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Kulturerbe-Förderung bei Studiosus am Beispiel Kambodscha und Türkei
von Klaus A. Dietsch
Der heutige Begriff der Nachhaltigkeit im Tourismus ist das Resümee von zwanzig Jahren heftiger Tourismuskritik. Ihm waren verschiedene Denkanstöße vorausgegangen wie z.B. in den achtziger Jahren das "Sanfte Reisen" oder der 'Sanfte Tourismus'. Beide Begriffe haben eines gemein: Sie wollen ein Reisen definieren, das stärker als bis dato im Einklang mit der natürlichen und sozialen Umwelt zu stehen versucht. Eine eindeutige Definition des 'sanften Tourismus' gibt es jedoch nicht.
Genauso wenig gibt es eine eindeutige Definition von Nachhaltigkeit. Für eine Annäherung an diesen Begriff kann der Bericht der so genannten Brundtland-Kommission von 1987 dienen, in dem 'sustainable development' (nachhaltige Entwicklung) folgendermaßen umrissen wird:
"Unter nachhaltiger Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen". Wobei hier wichtig wäre zu betonen, was nicht in der Erklärung steht: nämlich dass die Welt, vor allem die weniger entwickelten Länder, so bleiben sollten wie sie sind, wie es von etlichen Kritikern gewünscht wird, die Nachhaltigkeit merkwürdigerweise mit romantisierendem Stillstand oder kultureller Rückwärtsgewandtheit verwechseln.
Wollen wir in diese nachhaltige Entwicklung auch die Menschen 'vor Ort', die so genannten 'Bereisten', einbeziehen, muss sich die soziale Komponente hinzugesellen. An sie appelliert u.a. die von der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio 1992 formulierte Agenda 21: Der 'nachhaltige Tourismus"' muss seither drei Komponenten berücksichtigen: Er soll langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für die Einheimischen sein. Nachhaltige Entwicklung im Tourismus kann also nur bedeuten, durch das Reisen die ökonomischen, sozialen und kulturellen Lebensbedingungen in den Gastländern, die der Tourismus in erheblichem Maße beeinflusst, zu verbessern und mit der langfristigen Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen in Einklang zu bringen. Zum Dreiklang der Komponenten müsste allerdings heute ganz aktuell wegen der Klimaveränderung eine vierte hinzukommen: die CO2-Kompensation.
Da der Tourismus und der Kommunikationsbereich (IT) die Wachstumsbranchen des 21. Jahrhunderts sind, kommt beiden auch verschärfte Verantwortung zu. Studiosus fordert hier einen dringenden Handlungsbedarf ein: Der Tourismus muss als Schlüsselbranche für eine nachhaltige Entwicklung dienen, nach dem Motto 'aktive Nachhaltigkeit' ist nicht nur für die Tourismusindustrie notwendig, sondern vor allem durch die Tourismusindustrie". Wenn wir hier nämlich nicht aktiv werden, sägen wir à la longue mit Sicherheit den Ast ab, auf dem wir sitzen.
Aktiv werden kann man vor allem durch Kommunikation. Durch Kommunikation zwischen den Reiseunternehmen und deren vor Ort agierenden Reiseleitern, durch Kommunikation vieler Reiseveranstalter, Fremdenverkehrsämter, Nicht-Regierungs-Organisationen und der lokalen Bevölkerung. Nur wenn alle Beteiligten sich über ihre eigene Rolle im Tourismus klar würden, wären die vielfältigen Chancen zum gegenseitigen Verständnis einzulösen, die der Tourismus grundsätzlich bieten kann.
Und was tut Studiosus für diese Art Kommunikation? Das Unternehmen hält in unterschiedlichen Ländern und Regionen so genannte 'Foren der Bereistenv ab. Man könnte auch von 'Dialog der Kulturenv sprechen, denn auch Studiosus ist mit dem Begriff der 'Bereisten' nicht hundertprozentig glücklich, hat aber keinen besseren Ausdruck gefunden, der genau das trifft, was ausgesagt werden soll: nämlich dass man den Dialog mit den Menschen in den Gastgeberländern sucht. Bei diesen 'round table-Gesprächenv will Studiosus in erster Linie den besuchten Menschen zuhören, will etwas für sein künftiges Verhalten und die Gestaltung seiner Reiseprogramme lernen und möchte erfahren, wo die Menschen eventuell der touristische Schuh drückt. Im seit 1998 bestehenden Umweltmanagementsystem des Hauses ist festgeschrieben, dass jeder Gebietsleiter pro Jahr ein solches Forum zu veranstalten hat. Da ist bei sechs Area Managern inzwischen schon ein beträchtlicher Erfahrungsschatz zusammen gekommen.
Bei Studiosus werden Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit zwar schon seit langem groß geschrieben. Aber seit 1995, seitdem das Unternehmen daran dachte, sich als erster (und bisher einziger) europäischer Veranstalter dem Umwelt-TÜV zu stellen, sich also nach EMAS sowie nach der Umweltnorm ISO 14001 zertifizieren zu lassen, arbeitet es verstärkt daran, alle Beteiligten in der Tourismusindustrie auf eine gemeinsame Verantwortung gegenüber den Gastgeberländern einzuschwören. Auf dass alle dem Unternehmensleitbild folgen könnten, in dem es heißt: "Wir wollen Reisen anbieten, die möglichst sozial verantwortlich und umweltschonend sind, die auf die Interessen der einheimischen Bevölkerung, auf ihre Eigenständigkeit und ihren Wunsch nach Selbstbestimmung Rücksicht nehmen, und wir wollen - im Sinne eines zukunftsfähigen Tourismus - mit der einheimischen Bevölkerung kooperieren und sie an der Gestaltung aktiv und partnerschaftlich beteiligen." Oder, wie es in der Definition der modernen Studienreise heißt: "Planung und Durchführung der Reisen sind so angelegt, dass die soziokulturelle Situation im Gastgeberland respektiert wird und Umweltbelastungen möglichst gering gehalten werden".
Einen dem Tourismus immanenten Widerspruch gilt es allerdings aufzulösen: Reisen verursacht einerseits viele Probleme, bringt aber andererseits den Gastgebern auch Geld und Know-how. Ein schlauer Spruch besagt: Tourismus sei wie Feuer; man könne damit seine Suppe kochen, aber auch sein Haus niederbrennen. Da gilt es, zwischen Scylla und Charybdis den Königsweg zu finden. Aber wie? Durch Respekt als Grundlage des touristischen Miteinanders.
Diesen Widerspruch und den Königsweg durch Respekt zu kommunizieren, ist Studiosus wichtig. Das Unternehmen nutzt viele verschiedene Wege wie Reiseleitung, Kataloge, Internetauftritt oder eigene Broschüren, um seine Reiseteilnehmer dahin gehend zu sensibilisieren, dass sie das fremde Land als Gäste besuchen. Der Gast soll motiviert werden, Rücksicht auf die Interessen der einheimischen Bevölkerung zu nehmen, sich gegenüber dem Fremden zu öffnen und die Regeln, Sitten und Bräuche sowie die kulturelle Eigenart des Gastlandes zu respektieren.
Die Öffnung gegenüber dem Fremden zu erleichtern, ist Studiosus eine Herzensangelegenheit. Deshalb hat das Unternehmen bei allen Reisen Begegnungen mit den Einheimischen ins Programm integriert, bei Reisen über zehn Tagen sogar deren zwei. Reisende wie 'Bereiste' können sich somit in lockerer Runde kennen lernen, Informationen austauschen - und eventuell falsche Bilder von einander revidieren.
Als Begegnungsstätten dienen u.a. von Studiosus unterstützte Förderprojekte. Diese 'Hilfe zur Selbsthilfe' finanziert der Reiseveranstalter schon seit mehr als einem Jahrzehnt, gestützt auf die Firmenphilosophie: "Wir wollen nicht nur nehmen, sondern auch geben". Studiosus ist überzeugt, dass es Unternehmen von heute gut ansteht, Verantwortung zu übernehmen. Dazu gehört nicht nur das moralische, sondern auch das finanzielle Engagement für umwelt-, entwicklungs- und sozialpolitische Belange in etlichen Ländern dieser Welt.
Dabei ist es ein spezielles Anliegen, Förderprojekte auszuwählen, die von den großen Organisationen nicht berücksichtigt werden und die deshalb umso dringender Hilfe aus anderen Quellen benötigen. Ein Blick auf die Förderkriterien verdeutlicht das Anliegen:
Die Projekte sollen erstens einen direkten Bezug zum Tourismus haben. Als Beispiele können hier dienen das Projekt gegen Kinderprostitution in Nordthailand, denn die hat ja tatsächlich mit Massentourismus zu tun. Oder das Wal-Informationszentrum in Husavik auf Island; hier verdienen die Fischer, die nicht mehr auf Walfang gehen dürfen, ihr Brot damit, dass sie nun Touristen zur Walbeobachtung aufs Meer fahren (und dabei mehr Geld verdienen als früher). Dieses Projekt weist schon auf das zweite Kriterium hin, das lautet: Die lokale Bevölkerung soll aktiv eingebunden werden oder durch die Förderung eine wirtschaftliche Grundlage bekommen. Drittens sollen die Projekte für möglichst viele Reisegruppen auch als Begegnungsstätte genutzt werden können. Beispiel: Das Projekt "Kleine Menschen" in Cuzco / Peru, an Hand dessen sich die Sozialstruktur des Landes anschaulich erläutern lässt. Und viertens soll das Projekt gerne zum Erhalt des Kulturerbes beitragen. Beispiele gibt es hierfür reichlich: Aleppo / Syrien, Angkor Wat / Kambodscha, Pompeji / Italien, Patan / Nepal, Pergamon / Türkei.
Zwei möchte ich hier herausgreifen:
Kambodscha. Hier hat sich Studiosus für die Dokumentation des Verfalls der Friese an der Umwallung des Haupttempels von Angkor Wat und für deren anschließende Restaurierung engagiert. Nahezu 1850 'himmlische Wesen' zieren die Oberfläche des Tempels, die meisten davon in einem äußerst Besorgnis erregenden Zustand. Bei diesem Förderprojekt wurden wir von der Fachhochschule Köln wegen Sponsorings angesprochen. Das Projekt erfüllte alle oben genannten Kriterien: Dass Angkor Wat einen Bezug zum Tourismus hat, ist einleuchtend. Studiosus machte den Geldsegen dann davon abhängig, dass bei Dokumentation und Restauration junge Kambodschaner angelernt und somit befähigt werden, später - nach Rückzug der deutschen 'Entwicklungshelferv - selber die Verantwortung für den Erhalt des Kulturdenkmals zu übernehmen. Das wurde erfüllt. Von den Fortschritten des Kulturerhalts konnten sich Aberhunderte von Studiosus-Reisegästen vor Ort persönlich überzeugen, in einem eigens erbauten Infozentrum und durch spezielle Führungen durchs Gelände. Somit war auch das dritte Kriterium erfüllt. Das vierte versteht sich von selbst.
Türkei / Pergamon. Die antike Metropole Pergamon bietet in Kombination mit der historischen Altstadt und dem modernen Ort Bergama ein einzigartiges Beispiel kontinuierlicher Stadtentwicklung vom 3. Jahrhundert v.Chr. bis in die Gegenwart. Das Deutsche Archäologische Institut (DAI) wollte dieses Siedlungsensemble als Gesamtkonzept bewahren und präsentieren - und schlug Studiosus deshalb die Konservierung und die Restaurierung der Roten Halle vor. Dieses Bauwerk, eine römisch-kaiserzeitliche Sakralarchitektur aus Ziegeln, liegt mitten im Zentrum und verbindet als prominenteste antike Ruine die alte mit der modernen Stadt.
Wie üblich, durchleuchtete Studiosus das Projekt nach seiner Kriterienskala. Da das DAI in seinen Erhaltungsplan der Roten Halle bereits die spätere touristische Nutzung integriert und Führungswege durch die Halle sowie einen Bus-Parkplatz und einen touristischen Kiosk vorgesehen hatte, war das erste Kriterium voll erfüllt. Das zweite, die Beteiligung der Bevölkerung, wurde bereits bei den Restaurierungsarbeiten umgesetzt, wird aber auch später bei der touristischen Nutzung weiter wirken. Ein zusätzlicher positiver Effekt während der Restaurierung: die Förderung und In-Wert-Setzung traditioneller Handwerkstechniken. Das dritte Kriterium, die Rote Halle als Begegnungszentrum für die Studiosus-Gruppen zu nutzen, lässt sich problemlos ermöglichen, wenn die Einheimischen demnächst als lokale Führer arbeiten und z.B. mit den Gästen ein Gespräch beginnen über den Sinn solcher Förderprojekte. Der Kulturerhalt als viertes Kriterium spricht bei diesem Projekt für sich selbst.
Zwei Beispiele für das nachhaltige Engagement des Unternehmens, zwei von acht noch laufenden Projekten zum Kulturerhalt. Diese werden ergänzt durch Förderprojekte humanitärer Art und zum Schutz der Umwelt. Insgesamt hat Studiosus seit 1993 mehr als 80 Projekte unterstützt und dafür rund 175.000 Euro aufgebracht.
Klaus Andreas Dietsch, geboren in Qingdao/China. Studium von Sinologie, Philosophie und Politischer Wissenschaft in München und Taipeh. Zehn Jahre Redakteur der 'Süddeutschen Zeitung'. Danach Pressesprecher im Tourismus, seit Januar 1995 von Studiosus Reisen München. Dort auch Vorsitzender des 'Ausschusses für sozial verträglicheres Reisenv.
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