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Meet the People...

Mythen und Chancen des Kultur-Tourismus als Entwicklungsinstrument

Ist Tourismus gut oder schlecht für die 'Bereisten'? Diese Frage ist seit den ersten touristischen Reisen vor rund 150 Jahren ein heftig umstrittenes Thema. Seit damals dominierten zwei zentrale Positionen den öffentlichen Diskurs: jene vom Tourismus als Heilsbringer und jene vom Tourismus als Kulturzerstörer.

von Harald A. Friedl

Interkultureller Dialog durch Kultur-Tourismus

 

Utopien und Desaster

Tourismus wurde bis in die späten 1990er Jahre des 20. Jahrhunderts als ein Mittel der Völkerverständigung betrachtet. Zu den zahlreichen prominenten Fürsprechern zählten Papst Pius XII. im Jahr 1952, der US-Präsident John F. Kennedy im Jahr 1962 und zuletzt im Jahre 1995 die Welttourismusorganisation (UNWTO) im Rahmen ihrer Deklaration der 'Lanzerote Charta für nachhaltigen Tourismus'. Hinter dem Konzept der Völkerverständigung stand der naive Glaube, dass schon die schlichte visuelle Konfrontation zwischen Reisenden und Bereisten zu mehr Verständnis füreinander beitragen würde. In den 60er- und 70er-Jahren wurde zudem auch angenommen, Tourismus sei ein wirksames Instrument der Entwicklungshilfe, weil die 'Bereisten' sowohl von wirtschaftlichem als auch von kulturellem Transfer in Gestalt von Wohlstandswachstum und Modernisierung profitieren würden. Durch diesen sozialen Homogenisierungseffekt würden kulturelle Differenzen zusätzlich abgebaut werden.

Diese Erwartungen an die Möglichkeiten der Entwicklungshilfe im Allgemeinen und an den Tourismus im Besonderen wurden bald enttäuscht, was aus heutiger Sicht wenig verwundert. Damals dominierte die Überzeugung, dass der Entwicklungsnutzen für alle Beteiligten gleichsam mit der Größe der subventionierten Hotelanlagen einhergehe. Tatsächlich aber blieben die Wohlstandsgewinne auf die lokalen Oberschichten beschränkt, während die Unterschichten in erster Linie mit massenhaft auftretenden 'halbnackten' Menschen konfrontiert wurden, weniger aber mit massenhaft neuen Kunden. Weil sich etwa Touristen in All-inclusive-Anlagen in Ägypten oder Tunesien aufgrund bestehender Sprach- und Kulturbarrieren zumeist in ihren isolierten Enklaven aufhielten, kam zwischen ihnen und der Bevölkerung nur sehr selten und dann in sehr oberflächlicher Weise ein kultureller Austausch zustande. In der Folge wurden seitens der Reisenden Vorurteile, Klischees und Missverständnisse eher verstärkt, während unter der Bevölkerung spürbare Einkommenseffekte ausblieben. Verbreitung fanden lediglich touristische Konsumweisen. Derartige, damals noch unerwünschte soziokulturelle Veränderungsprozesse unter der Bevölkerung bestärkten Tourismuskritiker darin, dass Tourismus weniger zu Entwicklung, als vielmehr zu 'Kulturzerstörung' führen würde.

 

Irrtümer

Mögen sich auch heute noch derartige Pauschal-Urteile hartnäckig in Standard-Lehrbüchern des Tourismus (Freyer, 2006) wie auch in den Köpfen mancher romantischer Tourismuskritiker halten, so gelten sie mittlerweile doch als weitgehend überholt. Grundlegend neue Erkenntnisse im Bereich der Hirnforschung, der Wahrnehmungs- und Kommunikationswissenschaften sowie empirische Untersuchungen im Tourismus verhalfen zu einer differenzierten Sicht der Wirkungen, Chancen und Risiken des (Kultur-)Tourismus als Instrument der Völkerverständigung und der Entwicklungszusammenarbeit:

 

1. Der Mythos der Kulturzerstörung

Hinter diesem Mythos steht eine im 19. Jahrhundert verbreitete Vorstellung von Kultur als ein festes, monolithisches Ganzes, das lediglich in den Akteuren einer Kultur, ihren Handlungen und Werken, zum Ausdruck kommt. Diese romantische Vorstellung von der Möglichkeit der Existenz einer 'wahren, authentischen' Kultur sagt in Wahrheit weniger über die 'beschriebene Kultur' aus als vielmehr über die Sichtweise der Beobachter. Sie ist Ausdruck der Sehnsucht nach einer heilen, von Modernisierung, Industrialisierung, Individualisierung und Differenzierung verschonten Welt, die gleich einem Paradies wie ein Fels in der Brandung unserer stürmischen Zeit steht.

Kultur wird heute als der Ausdruck eines Prozess betrachtet, der durch permanente Kommunikation zwischen den individuellen Trägern der Kultur gesteuert wird, und der dabei ein Formenprogramm hervorbringt. Aufgrund ihres prozessualen Charakters sind kulturelle Systeme prinzipiell offen und wandlungsfähig, wie auch Individuen als handelnde Akteure zu begreifen sind, die auf ihr sich wandelndes gesellschaftliches Umfeld durch neue Positionierung reagieren. Kultur ist somit als eine Konstruktion zu verstehen, die der Beobachter im Kommunikationsprozess mit als solche betrachteten Angehörigen einer Kultur erzeugt. Kultur ist somit eine "kommunikative Thematisierung des Wirklichkeitsmodells" einer Gesellschaft (Luger, 1999, 34).

Daraus folgt zwangsläufig, dass nicht die Kultur einer bereisten Bevölkerung zerstört werden kann, sondern nur die Illusion eines Beobachters, dass diese Bevölkerung in einer heilen Welt lebe. Diese Vorstellung ist jedoch angesichts der langen kolonialen Vergangenheit praktisch aller Weltregionen sowie angesichts der rasanten Globalisierung von Handel, Kommunikation und Transport naiv. Und sie ist vor allem aber paternalistisch, weil sie die betreffenden Bevölkerungsgruppen zum Zweck der Befriedigung eigener Sehnsüchte von Partizipationschancen ausschließt, ohne sie vor historischem Wandel 'beschützen' zu können.

Wie ich im Fall der Tuareg-Nomaden im Niger feststellen konnte (Friedl, 2005a), hatten sich so viele Rahmenbedingungen ihrer Kultur verändert, wodurch ihre traditionellen Kulturtechniken nicht mehr hinreichten, um alle 'Mäuler zu stopfen'. Aufgrund ihrer hohen Attraktivität für Europäer eröffnete sich der Bevölkerung mit dem Tourismus eine wichtige potenzielle Einnahmequelle. Voraussetzung dafür war aber, dass die Reiseagenturen die Siedlungen überhaupt anfuhren, um Handelskontakte und somit Einkommen durch den Verkauf von Handwerksprodukten zu ermöglichen. In weiterer Folge lernten viele Tuareg, die Wünsche ihrer Kunden sowohl durch entsprechende Produkte als auch durch die Art des Verkaufs besser zu befriedigen und dadurch höhere Einkünfte zu erzielen. Ein typischer Fall von Wertewandel durch Tourismus.

Werte sind stets persönliche Bedeutungszuschreibungen, die erst im kollektiven Kontext ihren konkreten Ausdruck erlangen. Werte sind wie ihre Träger selbst einem permanenten Wandel unterworfen. Dazu muss man lediglich einen Blick auf die eigene Vergangenheit oder auf die der eigenen Kinder werfen. Insofern lassen sich aus externer Sicht auch keine 'guten' oder 'schlechten' Werte und Wertentwicklungen beurteilen, sondern bestenfalls Prozesse mehr oder minder gelingender Anpassung einer Gesellschaft an ihre sich verändernden Rahmenbedingungen wie Klimawandel, Bodenerosion, Überbevölkerung, Arbeitslosigkeit, steigende Konfliktpotenziale und vieles mehr.

All diese Argumente widersprechen jedoch nicht der menschlichen Erfahrung, dass Tourismus - wie auch jede andere Form der Konfrontation mit fremden Individuen - dann zu massiven Abwehrreaktionen führt, wenn ein kritisches Maß der Intensität fremder Einflüsse überschritten wird. In analoger Weise, wie auch zu viele Immigranten die Integrationsbereitschaft einer Bevölkerung überstrapazieren und Abwehrreaktionen hervorrufen können, so können auch zu viele Touristen binnen zu kurzer Zeit die "bereiste" Bevölkerung 'überfordern'. Derartige kollektive, psycho-soziale 'Tragfähigkeitsgrenzen' hängen jedoch von äußerst vielen verschiedenen und zudem durch begleitende Maßnahmen veränderlichen Variablen ab.

 

2. Der Mythos von Aufklärung als Weg zu interkulturellem Verständnis

Mochte auch die Furcht vor 'Kulturzerstörung' relativiert werden, so bleibt noch die Hoffnung, dass Tourismus zumindest grundsätzlich und unter bestimmten Umständen zu interkultureller Verständigung beitragen könnte. Dazu bedarf es aber einer Abwendung vom aufklärerischen Ideal von 'Verständnis' in dem Sinne, als wir einen Menschen 'richtig' verstehen könnten. Aufgrund der jüngeren Erkenntnisse der Hirnforschung begreifen wir heute Verständnis im konstruktivistischen Sinn als geistiger Ausdruck des Zusammenhangs zwischen Wahrnehmung, Empfindung und Bedeutungszuschreibung. Verständnis ist somit stets individuell, wenn auch keineswegs unabhängig von der Außenwelt, denn unsere Sichtweisen sind über den Prozess der Kommunikation an die wahrgenommenen Reize der Außenwelt rückgekoppelt. Daraus folgt aber, dass wir nie in den Kopf eines anderen Menschen hineinblicken können und damit nie Gewissheit darüber erlangen können, was dieser 'wirklich' meint. Im günstigsten Fall können wir lediglich ein positives 'Ach so'-Gefühl erlangen, jene Vermutung, man würde einer gemeinsamen Meinung sein.

Daraus folgt aber zwangsläufig, dass die Wohltat des Kulturtourismus nicht etwa in der 'Korrektur' von Vorurteilen bestehen könne, sondern lediglich in der Entwicklung von Sichtweisen, die einem kooperativen Umgang miteinander nicht entgegenstehen. Hier kann es kein 'richtig' oder 'falsch' geben, sondern lediglich, ob die Interaktionen zwischen Touristen und Einheimischen von eben diesen als konstruktiv empfunden wurden. Damit wäre aber schon sehr viel erreicht. So konnten empirische Untersuchungen des Tuareg-Dorfes Timia nachweisen, dass die positiven, als 'freundschaftlich' erlebten Erfahrungen der Besucher Timias häufig dazu führten, dass diese relativ häufig wiederkamen, aber darüber hinaus im Fall einer Hungerkrise das Dorf auch solidarisch unterstützten. Die Tuareg-Bevölkerung wiederum verhielt sich jenen Touristen gegenüber besonders freundlich, die sich die Zeit nahmen, länger als nur für einen Fotostopp zu verweilen und sich auf das Dorf einzulassen (Friedl, 2006).

 

3. Der Mythos der Entwicklung als vorgezeichneter Weg

Wenn von der Legitimität von Kulturtourismus als Mittel der Entwicklungszusammenarbeit gesprochen wird, muss auch Klarheit darüber bestehen, was überhaupt entwickelt werden kann und soll. Das Scheitern der westlichen Entwicklungsideologien führte wenigstens theoretisch zur Einsicht, dass gelingende Entwicklung stets nur etwas Systemspezifisches innerhalb eines gegebenen Rahmens sein kann. Diese Erkenntnis floss in das Leitbild der 'nachhaltigen Entwicklung' ein, als deren wichtigster Eckpfeiler Partizipation erkannt wurde. Was Menschen als wichtig und erstrebenswert erachten, können und dürfen wir ihnen nicht vorschreiben. Vielmehr ist jeder selbst der Experte für seine eigenen Bedürfnisse. Daraus würde folgen, dass Kulturtourismus nur dort gefördert werden dürfe, wo es von der Bevölkerung erwünscht wird. Zahlreiche empirische Befunde indizieren jedoch, dass touristische Entwicklung an sich niemals grundsätzlich abgelehnt wird. Vielmehr stoßen nur solche Tourismusformen mittelfristig auf Widerstand, die der Bevölkerung des Gefühl vermitteln, überwiegend die Kosten des Tourismus (Ressourcenverbrauch, Umweltbelastung, Konfliktstimulation etc.) tragen zu müssen, ohne ökonomisch spürbar partizipieren zu können.

 

Chancen

Im Wesentlichen stellt (Kultur-)Tourismus für Einheimisch eine wichtige Ressource dar. Reisende eröffnen die Chance auf Aufmerksamkeit und Anerkennung in Form von Zeit, die mit den Einheimischen verbracht wird, um zu kommunizieren, damit im zweiten Schritt Geld für Dienstleistungen und Güter der Einheimischen ausgegeben wird. Einheimische in Entwicklungsländern haben viel Zeit und viel Aufmerksamkeit. Dagegen ist Aufmerksamkeit für Touristen, aber auch für den postmodernen Medienmenschen schlechthin, die knappste Ressource, denn sie ist direkt an die knappe Ressource Zeit gekoppelt (Franck, 2007). Wir haben nur wenige Wochen Urlaub, innerhalb derer wir möglichst viele Optionen an exotischen Reizen konsumieren wollen und müssen, um unsere Reise als 'rentabel' zu empfinden. Diese Kultur der Konsummaximierung von außergewöhnlichen Erlebnissen führt dazu, dass touristische Rundreisen im Galopp durch die Kontinente absolviert werden. Von derartigen Reiseformen profitieren erfahrungsgemäß überwiegend professionelle Tourismusservice-Anbieter wie Hotels des gehobenen Standards, Transportanbieter, Restaurants und entsprechend ausgestattete Souvenirhändler.

Gleichzeitig macht sich unter westlichen Konsumenten zunehmend das Bedürfnis nach Entschleunigung und Reizreduktion bemerkbar, nach Sinn und Authentizität (Romeiß-Stracke, 2003). Diese Bedürfnisse glauben viele Menschen in einer Welt gestillt zu finden, die außerhalb des westlichen Modernisierungsstress steht: in den großen 'Naturlandschaften' der so genannten Dritten Welt. In Gestalt von Trekking- und Reittouren wird hier die Begegnung mit sich selbst gesucht, die auf die Begegnung mit der ungewohnt reduzierten Landschaft und den 'einfach lebenden' Menschen projiziert wird. In diesem wachsenden Bedürfnis steckt heute das große Potenzial für abgelegene Regionen, denen es an Infrastruktur mangelt, um von diesen neuen Formen des Tourismus durch zusätzliches Einkommen zu profitieren. Hier sind die wichtigsten Einkommensquellen der Verkauf von Produkten des 'authentischen' Handwerks und des Landbaus sowie der Verkauf von Serviceprodukten in Form von 'urigen' Unterkünften oder gar von Transportmitteln. In der Sahara etwa führte der Kamel-Trekking-Tourismus zu einem massiven Anstieg des Kamelbestands, der sogar jenen der vorkolonialen Zeit überstieg. Mit diesen Aktivitäten verbunden sind auch Beschäftigungen als Orts- und Transporttierführer, aber auch als Köche und Fahrer etc. In kulturell besonders attraktiven Regionen - wie bei den Tuareg in der Zentralsahara - verdienen sich Hirtennomaden gerne ein Zubrot durch die Vorführung ihrer Reitkünste. Derartige Vorführungen gelten auch unter den Dorfbewohner als gern gesehene und bewunderte Besonderheit.

Die Effekte dieses Tourismus sind vielfältig: Sie stimulieren die Nachfrage nach Agrar- und Handwerksprodukten, sichern auf diese Weise traditionelle Arbeitsplätze, wodurch die Menschen nicht gezwungen sind, bei Arbeitslosigkeit in die urbanen Zentren abzuwandern. Sie fördern zudem das kulturelle Selbstbewusstsein durch die Wertschätzung, die den Produkten und Darbietungen von den Touristen entgegengebracht wird. Meine Befragung der Tuareg-Bevölkerung konnte nachweisen, dass die Teilnahme von Touristen an einheimischen Festen und auch deren fotografische Aktivitäten äußerst begrüßt wird, weil dies als beste Werbung für ihre Kultur betrachtet wird.

Diese Form des Tourismus erzielt auch den weiteren, wichtigen Effekt der sozialen Stabilisierung und Friedenssicherung, weil er den Menschen eine Entwicklungsperspektive eröffnet. Randregionen sind häufig von Überbevölkerung, Verarmung, Arbeitslosigkeit und Abwanderung gekennzeichnet, aber auch von Misstrauen gegenüber zentralen Gewalten, denen gerne die Verantwortung für die Entwicklungsmisere zugeschrieben wird.

In diesem Kontext stellten Reisende immer schon begehrte Opfer für lukrative Überfälle da. Dies gilt besonders für die Zentralsahara seit dem Ende der Tuareg-Rebellion in den 1990er Jahren. Durch die steigende Zahl der Touristen, die in den Dörfern anhielten und Produkte kauften, wurden die Vorteile des Tourismus für die Bevölkerung erstmals spürbar, worauf diese mit den Behörden enger zu kooperieren und auf bekannte Kriminelle Druck auszuüben begannen, damit der Tourismus - und insofern der eigene Vorteil - keinen Schaden nehme.

Dieser Effekt konnte während einiger Jahre beobachtet werden. Doch leider wurden in der Region Niger trotz mehrfacher Empfehlungen an die GTZ und auch an das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Berlin keinerlei flankierende Maßnahmen unternommen, um die dortige Tourismusentwicklung zu stabilisieren. Letztlich eskalierten in diesem Jahr die Konflikte zwischen ehemaligen Rebellen, die als Tourismusunternehmer tätig waren, und der Regierung und führten zu einem neuerlichen Ausbruch der Rebellion.

Ein weiterer, wichtiger Effekt dieser 'langsamen' Tourismusformen liegt in der Entstehung einer 'glokalen' Solidarität. Touristen neigen im Rahmen derartiger Reisen zum Aufbau starker emotionaler Bezüge zu Einheimischen, die ihnen als Kompensation angesichts der hochmobilen Beziehungskultur im Westen dienen. Diesen Einheimischen wird mit wachsender Bereitschaft finanziell und ideell bei der Realisierung von Lebenschancen oder in außergewöhnlichen Notsituationen geholfen. Diese an den Tourismus gekoppelten, neuen Kapitalflüsse führten z. B. in der Tuareg-Region Aïr zur Entwicklung einer regelrechten 'Projektkultur', wonach zahlreiche Nichtregierungsorganisationen gegründet und mit Unterstützung von einstigen Touristen und nunmehrigen 'Freunden' mit Geld und Know-how wurden. Ein herausragendes Beispiel dafür ist die Organisation 'Les Amis de Timia' , die 1997 von einem Tuareg-Besucher gegründet wurde, und die mittlerweile eine Region von 15.000 Personen professionell unterstützt.

Die besten Chancen für die Bevölkerung reifen nicht, wenn sich nicht auch wesentliche Vorteile für den Konsumenten ergeben. Die meisten wurden bereits punktuell genannt. Zusammengefasst ergeben sie die nachhaltige Form des Erlebens bzw. des Konsumierens von Exotik, weil diese Eindrücke als 'authentisch' und darum besonders intensiv wahrgenommen werden und dauerhaft in Erinnerung bleiben. Durch die Möglichkeit, Kontakte zu schließen und gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt sogar zu helfen, erlebt der Betreffende das wichtige Gefühl, etwas Positives, Sinnvolles bewirkt zu haben. Insofern 'dient' die bereiste Destination dem Reisenden gewissermaßen auch als spirituelles bzw. existenzielles Sinn-Reservoir angesichts wachsender spiritueller Defizite der westlichen Gesellschaft.

 

Förderungsbedingungen

Leitprinzipien für Tourismus als Instrument der nachhaltigen Entwicklung

Die wesentlichen Prinzipien eines Tourismus, der einer regionalen Entwicklung zuträglich sein kann, entsprechen den Prinzipien der nachhaltigen Entwicklung. Dies sind:

- die Mitbestimmung der betroffenen Bevölkerung über entsprechende touristische Entwicklungsschritte und über die Nutzung von vorhandenen Ressourcen. Dies setzt die Berücksichtigung der kulturspezifischen demokratischen Institutionen sowie die Beachtung vorhandener Konflikt- und Machtstrukturen voraus, um nicht Gefahr zu laufen, durch einseitige Interessen instrumentalisiert zu werden;

- die bestmögliche Integration des vorhandenen Angebots an Produkten und Dienstleistungen, indem in regionalen Lokalen heimische Speisen konsumiert und regionale Landbauprodukte für die Bordküche verwendet werden, in heimischen Unterkünften genächtigt wird, und indem den Kunden ausreichend Zeit zum Kennen lernen von heimischen Handwerksprodukten gelassen wird;

- die maximale Schonung der lokalen Ressourcen Wasser, Energie, Holz und Boden, indem unnötiger Verbrauch sowie die Verunreinigungen der Natur möglichst unterbunden werden;

- die Rücksichtnahme auf die soziokulturellen Rahmenbedingungen durch die Anpassung der Mengen der Besucher an die Aufnahmefähigkeit der Einheimischen, etwa durch die Entzerrung der Saisonen, insbesondere aber durch flankierende Maßnahmen wie die Begleitung von interkulturell geschulten Reiseleitern, die als Mediatoren dienen und vermitteln können.

Weitere Maßnahmen sind die entsprechende Vorbereitung der Touristen durch Aufklärung über Sitten, Gebräuche, Werte und Sichtweisen, über Regeln des Respekts und andere Umgangsformen, sowie über einige sprachliche Grundlagen. Auf diese Weise erhalten Touristen konkrete Orientierungsinstrumente, um sich selbstsicher im fremden Terrain bewegen zu können (Friedl, 2005b).

 

Zwingende Rahmenbedingungen für Pauschalreisen

Aus diesen Prinzipien leiten sich einige zwingende Bedingungen ab, damit Kulturtourismus auch als ein Instrument der Regionalentwicklung greifen kann.

- Das Programm muss so gestaltet sein, dass Zeiträume für Entdeckungen und Begegnungen, aber auch für unvorhergesehene Ereignisse gegeben sind. Hier liegt zweifellos die große Herausforderung für Produktentwickler und Tourveranstalter, ihre Produkte für den Kunden gehaltvoll und ansprechend zu gestalten, für die Umsetzung aber entsprechend zurückhaltend.

- Hier spielt die Wahl der Verkehrsmittel eine zentrale Rolle. Busreisen können die oben genannten Anforderungen nur mit Abstrichen erfüllen. Ideal sind Trekking- und Reittouren, die minimale Umweltbelastung bei maximaler ökonomischer Integration und maximaler erlebter Zeitintensität erlauben.

- Eine entsprechende Vorbereitung der Kunden durch qualitativ hochwertige Informationen über technische Belange und Sicherheitsvorkehrungen, über Land- und Leute und über kulturelle Fragen der sinnvollen Anpassung sowie über weiterführende Quellen vermittelt dem Kunden Orientierung, ohne ihn zu bevormunden .

- Die sorgfältige Auswahl der lokalen Kooperationspartner hat wesentliche Auswirkungen auf die Umsetzung von konkreten Nachhaltigkeitszielen in der bereisten Region, weil sie das Reiseprodukt unmittelbar realisieren. Hier sind Kriterien wie die hohe Bereitschaft zur Integration der Region von Bedeutung, die Bereitschaft zur fairen Bezahlung, Behandlung und Weiterbildung der Mitarbeiter und Sub-Unternehmer sowie zum umsichtigen Umgang mit Ressourcen. An einer wiederholten Evaluierung der Partnerunternehmen wird man hier nicht vorbei kommen.

- In Hinblick auf die optimale Vermittlung zwischen der westlichen und der einheimischen Kultur bedarf es eines qualifizierten Reiseleiters, der möglichst dieser Region entstammt, ihr aber zumindest eng verbunden ist. Er bedarf neben der üblichen technischen insbesondere interkultureller Kompetenzen. In seiner Rolle als Führer sollte er sich optimalerweise als Coach anstatt als Diener des 'Kunden als König' sehen, als der er dem Kunden Exotik in wohldosiert 'zumutet', um ihn anzuregen und zur lustvollen Auseinandersetzung mit dem Fremden animiert, anstatt ihn zu über- oder unterfordern (Friedl, 2005c).

 

Grenzen für den arrangierten 'Kulturkontakt'

Bei allen positiven Ambitionen zur Förderung der Regionalentwicklung durch Kulturtourismus darf jedoch nicht aus den Augen verloren werden, dass diese Industrie im Wesentlichen mit Images und Erlebnissen handelt, und dass der dauerhafte Erfolg eines Tourismusunternehmens vom Erfolg abhängt, den Bedürfnissen ihrer Kunden gerecht zu werden. Der Respekt von den Kundenbedürfnissen ist darum genauso wichtig wie jener von den Bedürfnissen der bereisten Bevölkerung oder jener der Crew. So interessieren sich auch postmoderne Kulturtouristen in der Regel zuerst eher für landschaftliche Eindrücke als für die Begegnung mit Menschen. Der Grund dafür liegt im Bedarf nach Orientierung, der mit der Betrachtung von Landschaften erlangt wird, weil diese leichter in den eigenen, mitgebrachten Horizont integrierbar sind als fremde Menschen mit fremden Sitten und einer fremden Sprache. Zudem dient Landschaft auch als Kulisse und als Interpretationsrahmen für die zu erfahrende Kultur (Luger, 2007). Anders formuliert sind Reisende nur dann zu Kulturkontakt ernsthaft bereit, wenn sie dafür eine entsprechende Kulisse, etwas zum visuellen Konsumieren, bekommen. In ähnlicher Weise sind aber auch Einheimische nur dann an einem kulturellen Austausch interessiert, wenn sie sich davon einen spürbaren Nutzen erwarten, sei dies nun ein Geschäft, eine Information oder einfach nur Unterhaltung.

Insofern ist die schon eingangs angedeutete Ent-Idealisierung des Kulturtourismus eine Grundvoraussetzung für dessen Gelingen als Instrument der Regionalentwicklung und der interkulturellen Begegnung: Die Begegnung mit fremden Kulturen wird im Wesentlichen als ein Mittel zur Erlebnis der Welt verstanden und nicht als eine kulturelle oder pädagogische Mission. Doch genau darin liegt auch die große Chance des - angepassten - Kulturtourismus, weil er Räume der Begegnung entstehen lässt, ohne sich gegenseitig mit Erwartungen zu überfrachten. Dies gelingt durch die entsprechende Reiseform, die hinreichend Zeit für die Annäherung und gegenseitige Anpassung belässt. Die häufig eingemahnte Anpassung bei Kleidung und Foto-Verhalten ist in diesem Kontext hingegen sekundär, weil dem Fremden ohnedies ein anderes Wertesystem und somit ein anderes Verhalten zugeschrieben wird, als es Einheimische von Ihresgleichen gewohnt sind. Solang aber Einheimische für ihre Toleranz auch etwas 'zurückbekommen', spielen'kurze Hosen' oder intensives Fotografieren bei weitem nicht diese überragende Bedeutung, die ihr üblicherweise zugeschrieben wird.

 

Schlussfolgerung

Kulturtourismus in seiner neuen, angepassten Form stellt ein wesentliches Entwicklungspotenzial für marginale Regionen dar, wenn einige grundlegende Prinzipien beachtet werden. Mittlerweile zählen die Anbieter derartiger umwelt- und sozialverträglicher Reisen länger nicht mehr zur unbedeutenden Öko-Nischen. In Deutschland etwa vereinigen sich im Forum Anders Reisen bereits einige Hundert Reiseveranstalter, die sich einem Katalog von Nachhaltigkeitskriterien unterwerfen. Diese Veranstalter repräsentieren eine neue Qualität des Reisens, das von einer neuen Klasse von Touristen nachgefragt wird. Sie sind relativ wohlhabend und interessiert an anderen Kulturen und Regionen, aber auch am Erhalt eben dieser kulturellen und natürlichen Schätze. Um dieses Interesse zum Vorteil der bereisten Region optimal zu befriedigen, bedarf es gewisser Rahmenbedingungen wie Ausbildungsinitiativen für das lokale Personal oder der Unterstützung bei der Gründung von Reiseagentur-Verbänden.

Wir können heute Tourismus in abgelegenen Regionen nicht mehr verhindern, aber wir können dazu beitragen, dass Tourismus weniger unkontrollierten Schaden anrichtet. Durch flankierende Maßnahmen den existierenden Tourismus in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu fördern, ist die große Verantwortung der postmodernen Entwicklungszusammenarbeit.

 

Zitierte Literatur

Franck, G. (2007). Ökonomie der Aufmerksamkeit. Ein Entwurf. München: Dtv.

Freyer, W. (2006). Tourismus. Einführung in die Fremdenverkehrsökonomie. München: Oldenbourg-Verlag (6. A.)

Friedl, H. (2005c). Tourismusethik. Theorie und Praxis des umwelt- und sozialverträglichen Ferntourismus.

Friedl, H. A. (2005a). Die Vertretbarkeit von Ethnotourismus am Beispiel der Tuareg der Region Agadez, Republik Niger (Westafrika). Eine Evaluation aus Sicht der angewandten Tourismusethik. Univ. Diss, Graz.

Friedl, H. A. (2005b). Respektvoll reisen. Bielefeld: Reise Know-how.

Friedl, H. A. (2006). 'Freunderlwirtschaft' der Wüstenritter. Die Instrumentalisierung von Ethno-Touristen durch Tuareg zu transnationaler Solidarität. In: Integra. Zeitschrift für integrativen Tourismus und Entwicklung, 02/2006, S. 8-13.

Luger, K. (1999). Kulturen im Veränderungsstreß. Kulturtheoretische Überlegungen zur Tourismusdebatte. In: Luger, K./Inmann, K. (Hg.): Verreiste Berge. Kultur und Tourismus im Hochgebirge. Innsbruck: StudienVerlag, S.19-42

Luger, K. (2007). Auf der Suche nach dem Ort des ewigen Glücks. Kultur, Tourismus und Entwicklung im Himalaya Wien: Studien Verlag.

Romeiß-Stracke, F. (2003). Abschied von der Spaßgesellschaft. Freizeit und. Tourismus im 21. Jahrhundert. Amberg: Büro Wilhelm Verlag.

 

MMag. Dr. Harald A. Friedl ist Jurist, Philosoph, Journalist und langjähriger Reiseleiter. Im Rahmen seiner Forschungen über Tourismusentwicklung bei den Tuareg in der Zentralsahara entwickelte er das Konzept der kybernetischen Tourismusethik zur Evaluierung von touristischen Maßnahmen. Seit dem Jahr 2003 unterrichtet er Tourismusethik, nachhaltige Tourismusentwicklung und Ökotourismus am Studiengang 'Gesundheitsmanagement im Tourismus' der FH JOANNEUM in Bad Gleichenberg.

 

 

1) Dieses Phänomen kam auch in der enormen Spendenbereitschaft der Deutschen und Österreicher nach dem Tsunami im Jahr 2004 zum Ausdruck, deren Motiv wesentlich auch die Wiederherstellung des 'beschädigten Paradieses' war.

2) www.lesamisdetimia.org

3) Dieses Bedürfnis zu erfüllen war das wesentliche Motiv des Buches 'Respektvoll reisen', das als Handbuch für die Vorbereitung in Hinblick auf nachhaltig wirkendes Reisen geschrieben wurde.

4) www.forumandersreisen.de

 

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