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Bibi Russell
Als Bibi Russell vor elf Jahren ihre Karriere als Top-Model an den Nagel hängte und in ihre Heimat, Bangladesch, zurückkehrte, hatte sie einen Traum: Sie wollte die Jahrhunderte alte Kunst der Handweberei vor dem Untergang retten. Trotz vieler Rückschläge ist es ihr inzwischen gelungen, die handgewebten Stoffe der bengalischen Weber zu einem gefragten Exportartikel zu machen. Aus den hochwertigen Stoffen (Rohseide, Baumwolle und Leinen) entwirft sie eigene Mode-Kollektionen, die in mehreren europäischen Ländern, seit 2003 auch in Deutschland, angeboten werden.
Bibi Russell verließ Bangladesch 1972. Sie war 18 und reiste nach London, um sich am renommierten London College of Fashion für einen Ausbildungsplatz zu bewerben. Für eine junge Frau aus einer ehemaligen britischen Kolonie, noch dazu ohne Vorbildung, waren die Chancen nicht gerade rosig. Sie schaffte es trotzdem und war die erste Frau aus Bangladesch, die an der britischen Talentschmiede Mode studieren durfte.
Um sich Geld zu verdienen jobbte sie als Ankleiderin bei Modenschauen. Dort wurde sie entdeckt und für eine Modereportage in Harper's Bazaar engagiert. Damit begann eine große Modelkarriere: Sie war der Star auf den Laufstegen von Paris, Mailand und New York, arbeitete für Chanel und Yves Saint Laurent und präsentierte in den 80ern mit Iman und Jerry Hall die Kollektionen von Armani, Mussoni und Ferrés.
Als sie 1994 ihre Model-Karriere beendete, kehrte sie zurück in ihre Heimat. Statt sich ein sorgloses, privilegiertes Leben in Europa zu machen, wollte Bibi Russell ihre Kenntnisse als Designerin und ihre hervorragenden Kontakte zu Textilhändlern und Modeeinkäufern nutzen, um die Weber in Bangladesch darin zu unterstützen, ihr traditionelles Handwerk zu erhalten und ihm neue Impulse zu geben, die Stoffe auch auf dem internationalen Markt zu platzieren.
Ein schwieriges Unterfangen: Bei ihren ersten Reisen in die Dörfer, erntete sie wenig Beifall für ihre Ideen. Die Weber waren skeptisch, hielten sie für eine Politikerin, die Versprechungen macht, weil sie im Wahlkampf ist. Heute wird Bibi Russell von Millionen Bangladeschi verehrt.
Fashion for Development
Aufgrund ihrer internationalen Erfahrungen wusste Bibi Russell, dass die Qualität der handgewebten Stoffe aus Bangladesch stets außergewöhnlich gut war. Sie reiste durchs ganze Land und entwickelte mit den Webern in jahrelanger Kleinarbeit neue Stoffe, Muster, Qualitäten und ökologische Produktionsverfahren. Bibi Russell setzt auf intensive, leuchtende und ausdruckstarke Entwürfe, die durchaus in der Tradition ihrer Heimat Bangladesch verwurzelt, aber auf ein westliches Publikum zugeschnitten sind. Dabei kopiert die Modemacherin nicht einfach bei uns gängige Designs, sondern setzt vielmehr auf einen Hauch Exotik in ihrer Linie für die Unverwechselbarkeit ihrer Kollektion. Die traditionellen Muster und Motive der Heimat sind Inspirationsquelle und Grundlage für ihre hochwertigen Kollektionen.
Auch wenn die Haute Couture sie "künstlerisch" sehr reizt, setzt Bibi Russell konsequent auf preiswerte Mode und ist sich nicht zu schade, auch für französische Versandkataloge zu produzieren. Einige ihrer Sommerkleider wurden in Stückzahlen von 10.000 geordert. "Ich verkaufe lieber 1000 Stücke für 80, als 100 Stücke für 1000 Dollar", sagt sie. Denn die Masse macht den entscheidenden Unterschied: Arbeit für viele Weber. Dabei geht es Bibi Russell nicht nur um die Schaffung einer materiellen Existenzgrundlage für die Weber und ihrer Familien, sondern auch um ein stärkeres Selbstvertrauen und die Wiederentdeckung eigener Werte. Ab und zu nimmt sie einige der Weber mit nach Dhaka, um ihnen in den Museen zu zeigen, dass ihre Arbeit zum Kulturschatz ihres Landes gehört.
Die Firma "Bibi Productions"
1996 gründete sie in Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs, die Firma "Bibi Productions".
Dort entstand ihre erste Kollektion, die sie unter Schirmherrschaft der UNESCO 1996 in Paris präsentierte: Eine Explosion von Farben mitten hinein in den grau-schwarzen Minimalismus jener Jahre. Die UNESCO honorierte ihr Engagement und ernannte sie zu ihrer Botschafterin.
Als Bibi Russell 1998 eingeladen wurde, um die Fashion Week in London mit ihrer Kollektion zu eröffnen, schien der Durchbruch auf den internationalen Markt geschafft. Während ihre Vorbereitungen für die Fashionshow in London auf Hochtouren liefen, erreichte sie die Nachricht, dass Bangladesch in einer der schlimmsten Fluten seiner Geschichte zu versinken drohte. Von den ca. 120 Millionen Einwohnern waren rund 20 Prozent obdachlos geworden. Eine gigantische Katastrophe, von der auch nahezu alle Webereien betroffen waren, die für Bibi Russell arbeiteten. Ihre handgewebten Seidenstoffe verrotteten in den Wassermassen.
Die Entwürfe, die Bibi in London erfolgreich präsentiert hatte, konnten nun nicht mehr produziert werden. Ein derber Rückschlag, nicht nur unter ökonomischen Gesichtspunkten. Statt der erhofften Großaufträge musste sie die Vorbehalte der Europäer befürchten, dass Geschäfte mit Entwicklungsländern wegen unkalkulierbaren Einflüssen von Umwelt und politischem Geschehen zu riskant sind, die Geschäftspartner unzuverlässig.
Bibi Russell musste nach der Flutkatastrophe wieder von vorn anfangen. Statt nach dem internationalen Durchbruch Webern aus fast allen Regionen des Landes zu Arbeit zu verhelfen, musste sie das Geld ihrer Firma in die Rettung ihrer hochspezialisierten Lieferanten stecken. Weil das bei Weitem nicht ausreichte, gründete sie die Hilfsorganisation "Save the Weavers", die seitdem Spenden sammelt, um die Not der Weber zu lindern und so das traditionsreiche Handwerk am Leben zu halten.
Es dauerte anderthalb Jahre, bis das Unternehmen wieder auf die Beine kam. Ihren Traum, handgewebte Stoffe aus Bangladesch zu einem gefragten Exportartikel zu machen und so Tausenden in ihrer Heimat Arbeit und Einkommen zu verschaffen, hat sie dennoch verwirklicht. Was heute von den bengalischen Handwebern produziert wird, ist auch für die europäische Haute Couture oder den Bezug italienischer Möbel geeignet. Sie verkauft ihre Stoffe und die eigenen Kollektionen in England, Spanien und Frankreich.
Als Modedesignerin ist Bibi Russell heute eine der wichtigsten Devisenbringerinnen des Landes. Seit 10 Jahren lässt sie ihre Kollektion komplett in Bangladesch fertigen und schuf damit in einem der ärmsten Länder der Welt Arbeitsplätze - nicht nur für Näherinnen.
Ihr kreatives Talent und ihr soziales Engagement brachten der Modemacherin unter anderem den "Freedom Award", den Friedenspreis der Vereinten Nationen. Denn durch die Präsentation und den Verkauf ihrer Entwürfe in Paris, London oder Düsseldorf gibt sie rund 100.000 Landsleuten Arbeit, Selbstachtung und eine Perspektive für die Zukunft.
Der Regierung hat sie durch die Resonanz auf ihre Arbeit die Augen dafür öffnen können, welches gewaltige Potential an Kreativität und Jobs eine gezielte Unterstützung der Weber freisetzen könnte. Der Schlüssel für die Entwicklung von Bangladesch liegt in der Stärkung der dörflichen Wirtschaft, des traditionellen Handwerks der Weberei, von der alleine gut fünf Millionen Menschen abhängig sind.
Wenn die Regierung von Bangladesch diese zusätzliche Armut verhindern will, muss sie in der Textilproduktion, der wichtigsten Exportwirtschaft des Landes, zukünftig verstärkt auf qualitatives Wachstum setzen. Denn höherwertige Textilien machen Produktion und Export effizienter. Die Erfolgsgarantie dieses Konzept haben Bibi Russell und die bengalischen Handweber eindrucksvoll vorgeführt.
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