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Textilindustrie
Die Textil- und Bekleidungsindustrie ist heutzutage ein Sektor, der von großen weltweit agierenden Markenunternehmen bestimmt wird. Produziert wird vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, deren Standort-, Lohn- und Arbeitsbedingungen besonders günstig sind. Etwa 80 Prozent der in Deutschland verkauften Bekleidung wird heute in Osteuropa sowie in Fernost produziert. In den Ländern des Nordens, in denen das Gros der Waren verkauft wird, sind kaum noch Produktionsstätten ansässig.
Globale Verschiebung der Textilproduktion in den letzten vierzig Jahren
In den 70er Jahren wurden Millionen Arbeitsplätze der Textil- und Bekleidungsindustrie aus den Industrieländern in Entwicklungs- und Transformationsländern verlagert. In diesen Ländern sind so genannte Freie Exportzonen (FEZ) eingerichtet worden, die den dort ansässigen Firmen erhebliche Privilegien bieten. Neben der Bereitstellung der Infrastruktur, Zoll- und Steuererlassen, Subventionen von Wasser und Strom, wird den dort ansässigen internationalen Textilunternehmen häufig auch die freie Rückführung der Gewinne in das Mutterland garantiert.
Auf Seiten der betroffenen Länder wurde mit der Einrichtung der FEZ das Ziel verfolgt, die Entwicklung strukturschwacher Regionen zu verbessern, die Senkung der Arbeitslosigkeit, Förderung der einheimischen Wirtschaft und die Ausbildung von Beschäftigten. Heute kann man feststellen, dass die hohen Erwartungen, die an Einrichtung der FEZ geknüpft wurden, mit Ausnahme von China in keinem Land eingetreten sind.
Durch die rasant fortschreitende Globalisierung der Markenkonzerne und die Schnelllebigkeit der Mode hat sich unter den weltweit agierenden Unternehmen eine starke Konkurrenz gebildet, die unmittelbar an die Produzenten in den FES weitergegeben wird. Die großen Markenfirmen vergeben ihre Produktionsaufträge durch Lizenzverträge weltweit an diverse Subunternehmer, die wiederum die Aufträge anonym ausschreiben. Den Zuschlag erhält dann das Unternehmen, dass die Ware am billigsten produziert.
Wichtigste Kriterien für die Konzerne sind Billiglöhne, Qualität und Lieferzuverlässigkeit auch bei kurzfristigen Aufträgen. Gerade bei der Mode haben sich die Reaktions- und Produktionszeiten drastisch verkürzt. Was in Paris und Rom als neue Trends präsentiert wird, kann man zwei Wochen später bereits als Billigkopie bei H&M oder C&A erwerben. Die Konsumware Mode hat mittlerweile die Vergänglichkeit von verderblichen Lebensmitteln erreicht.
Arbeitsbedingungen in den Freien Exportzonen
Der Zeit- und Konkurrenzdruck in der Textil- und Bekleidungsproduktion wird gnadenlos auf die Arbeiterinnen abgewälzt. In der Textil- und Bekleidungsindustrie arbeiten 80 % Frauen. Die Arbeitslöhne sind minimal und decken häufig noch nicht einmal die Existenzsicherung. Die arbeitsrechtlichen Bestimmungen sind meist außer Kraft gesetzt. Die Mitgliedschaft in oder gar die Gründung einer Gewerkschaft ist fast immer verboten. Neben fristlosen Entlassungen, Strafen und Schikane sind auch sexuelle Belästigungen durch Vorgesetzte nicht selten. Körperliche Beschwerden und starke Krankheiten bleiben nicht aus, weil die Tätigkeiten, die von den Arbeiterinnen in diesen Textilfabriken ausgeübt werden, auf die Dauer äußerst gesundheitsschädigend sind.
Das sind die Bedingungen, unter denen heute der Großteil der weltweit angebotenen Textilien produziert wird, und zwar nicht nur die preisgünstige Discountkleidung, sondern durchaus auch teure Markenartikel. Denn GAP, Adidas, Nike und die meisten anderen Markenfirmen lassen ihre Textilien und Schuhe ebenfalls in den Freihandelszonen produzieren, was ihnen gigantische Gewinne bringt. So ist es möglich, dass bei einem Turnschuh mit einem Ladenpreis von 75 Euro häufig nur noch 30 Cent für die Lohnkosten während der Herstellung anfallen! Und die Lohnkosten eines T-Shirts, das man bei Tchibo erwirbt, betragen noch rund 1 % des Kaufpreises.
Der Gegensatz zwischen den Arbeitsbedingungen in den Produktionsstätten und dem verkauften Marken-Image einer schönen heilen Welt hat inzwischen völlig absurde Formen angenommen.
Die Einrichtung von Verhaltenskodizes
Um die Arbeitsbedingungen in der internationalen Textilindustrie zu verbessern, haben die Internationale Arbeitsorganisation (ILO- International Labor Organisation) und ein großer Kreis internationaler Nicht-Regierungsorganisationen (www.suedwind-institut.de) , die sich in der Kampagne für Saubere Kleidung (CCC - Clean Clothes Campagne) zusammengeschlossen haben, verschiedene Initiativen und Aktionen gestartet (www.saubere-kleidung.de). Im Zentrum ihrer Aktivitäten steht ein Katalog mit Verhaltenskodizes, der speziell für die Textilindustrie entwickelt wurde. Dieser beinhaltet Verbote von Zwangsarbeit, Diskriminierung und Kinderarbeit sowie die Forderung nach der Einhaltung von Vereinigungsfreiheit, Arbeitszeitbegrenzung, existenzsichernde Löhne, vertragliche Regelung der Arbeitsverhältnisse, Arbeits- und Gesundheitsschutz und unabhängige Kontrollen für die Einhaltung dieser Kodizes.
Trotz massiver Widerstände von Seiten der Textilwirtschaft ist es ILO und der Kampagne für saubere Kleidung gelungen, in den letzten Jahren in direkten Verhandlungen mit den Konzernen erste Erfolge zu erzielen. Das einzelne Textilkonzerne inzwischen Teile des Verhaltenskodizes übernommen haben und bei der Auftragsvergabe darauf achten, dass die lokalen Subunternehmer die Regeln einhalten, ist vor allem auf die erfolgreiche Lobbyarbeit der Kampagnen zurückzuführen. So hat die Kampagne für saubere Kleidung in den vergangenen Jahren immer wieder Recherchen in den Produktionsstätten in verschiedenen Ländern durchgeführt und veröffentlicht. Gleichzeitig wurden die Konzerne aufgefordert, dazu Stellung zu beziehen und Postkartenaktionen durchgeführt, in den auch die Konsumenten gegen die Missstände protestiert haben. Das Zusammenspiel dieser Maßnahmen hat dazu geführt, dass einige Konzerne vor allem wegen des drohenden Imageverlusts, Zugeständnisse gemacht haben. Dass bis heute ein erheblicher Teil der Richtlinien, zu denen sich die Unternehmen selbst verpflichtet haben, dennoch nicht eingehalten wird, hat verschiedene Ursachen. So verweisen viele Unternehmen darauf, dass die lokalen Produzenten die vereinbarten Regelungen unterlaufen und die Einhaltung der geforderten Standards in den weltweit verstreuten Produktionsstandorten nicht effizient kontrolliert werden kann.
ILO und die Kampagne für saubere Kleidung haben dennoch erste wichtige Erfolge erzielt, die durch eine stärkere Beteiligung der Konsumenten an den verschiedenen Aktionen noch erheblich mehr bewirken könnten.
Nach dem Auslaufen des Welttextilabkommens zum Ende 2004 befindet sich die internationale Textilwirtschaft in einem neuen gewaltigen Umstrukturierungsprozess. Welche Veränderungen bevorstehen, soll hier am Beispiel der Textilindustrie von Bangladesch dargestellt werden.
Bangladesch
Bangladesch ist ein Agrarstaat, dessen größtenteils muslimische Bevölkerung zu rund 80 % auf dem Land lebt. Die Exportwirtschaft stützt sich praktisch ausschließlich auf Textilien, die in dem Billiglohnland im Auftrag ausländischer Firmen gefertigt werden. Fast alle großen Marken und Handelskonzerne lassen in Bangladesch produzieren: von Karstadt-Quelle, Otto-Versand, Tchibo, bis Hennes &Mauritz.
In Bangladesch existieren heute rund 3000 Bekleidungsfabriken mit rund zwei Millionen Beschäftigten, wobei weitere ca. 1,5 Millionen Arbeitsplätze indirekt von der Branche abhängen. Die Exporte der Bekleidungsindustrie für zuletzt rund 5 Mrd. Dollar machen rund 75% der gesamten Exporte des Landes aus.
Das gigantische Wachstum der Bekleidungsindustrie in Bangladesch basiert einerseits auf den niedrigen Lohnkosten und den miserablen Sozialstandards. Da jedoch in der Textilbranche nahezu aller Entwicklungsländer unter vergleichbaren Bedingungen produziert wird, konnten die hohen Exportraten aus Bangladesch nur dadurch erreicht werden, dass die Europäische Union und die USA Bangladesch als einem der ärmsten Länder der Welt freien Zugang zu ihrem Markt gewährten. Textilimporte aus Bangladesch unterlagen also keinen Quoten oder Zöllen, wie dies bisher für Textlilien aus anderen Regionen galt.
Mit dem Auslaufen des Welttextilabkommens Ende 2004 droht der Boom in der Bekleidungsindustrie jedoch zusammen zu brechen, weil das Land die bisher geltenden Privilegien verliert. Ab Anfang 2005 unterliegt der Handel mit Textilien und Bekleidung den Regeln der Welthandelsorganisation (WTO). Das bedeutet: Importquoten, mit denen die Industrieländer ihre Märkte bisher vor Billigimporten geschützt haben, werden gesenkt bzw. abgeschafft. D.h., die Industrieländer verabschieden sich von protektionistischen Maßnahmen und öffnen ihre Märkte für Importe.
Für die Textilindustrie in Bangladesch bedeutet dies, dass sie sich auf dem internationalen Markt zukünftig gegen Konkurrenten aus vielen anderen Entwicklungsländern, vor allem aus China, behaupten muss.
Profitieren wird davon, wie sich bereits nachweisen lässt, aber nur die chinesische Textilindustrie, die ihre konkurrenzlos günstigen Textilprodukte jetzt weltweit absetzen kann. Die Wettbewerbsvorteile, die China gegenüber allen anderen Ländern hat, resultieren vor allem aus dem technologischen Vorsprung. China hat in den letzten zehn Jahren jeden zweiten weltweit produzierten Webstuhl gekauft und kann heute von Stoffen über Bekleidung alle Textilien in hoher Qualität zu niedrigen Preisen anbieten.
Die Befürchtung vieler Experten, dass alle anderen Länder, deren Exporte in Industriestaaten bisher über eine Quote geregelt wurde, nun große Schwierigkeiten haben werden, hat sich bereits bestätigt. In Indonesien, Sri Lanka und Bangladesch wurden bereits viele Textilfabriken geschlossen, weil China seine Exporte in den letzten Monaten enorm erhöht hat.
Afrika
Die Auswirkungen, die das Auslaufen des Welttextilabkommens mit sich bringt, sind auch in Afrika bereits spürbar. Die Ausganglage ist dort jedoch völlig anders.
Neben der informellen Produktion - der Baumwollverarbeitung, dem Färben, Weben, Stoffhandel und Schneiderei - ist die industrielle Produktion von Textilien in Afrika nie in dem Umfang ausgebaut worden, wie das in anderen Ländern Asiens oder Lateinamerikas der Fall war. Der Aufbau von FEZ ist in vielen afrikanischen Ländern schon aufgrund der fehlenden Infrastruktur gescheitert. Die Transportwege und -kosten sowie die fehlenden Fertigungsgeräte hätten hohe Investitionen vorausgesetzt, für die das Kapital häufig nicht vorhanden war. Deshalb sind die meisten Textilfabriken in Südafrika zu finden und in einigen Ländern Ostafrikas, wo fast ausschließlich für den Export produziert wird.
In vielen westafrikanischen Ländern, wo traditionell Baumwolle angebaut und selbst verarbeitet wurde, liegt die lokale Textilindustrie weitgehend brach. Seit die USA in den 1980er Jahren begannen, ihre Baumwollproduktion extrem hoch zu subventionieren, sind die Baumwollpreise auf dem Weltmarkt drastisch gefallen, mit der Folge, dass die Exporterlöse sanken. Weil nicht investiert wurde, fehlen heute die Maschinen, die für den Ausbau einer eigenständigen Textil- und Bekleidungsindustrie nötig wären. So muss Mali, der größte Baumwollproduzent Afrikas, seine Baumwolle zur Veredelung nach Deutschland und Österreich exportieren. Gleichzeitig wurde der afrikanische Markt mit Billigware aus Asien und Altkleidern aus Europa überschwemmt, was der lokalen Textilwirtschaft in einigen Ländern zusätzlich geschadet hat.
Mit dem Auslaufen des Welttextilabkommens spitzt sich die Lage weiter zu. Weil viele afrikanische Länder die Exportquoten, die ihnen im Rahmen des Abkommens zustanden, gar nicht bedienen konnten, hatten chinesische Unternehmen die Quoten dieser Länder genutzt, um von dort aus nach Europa und in die USA zu exportieren. So entstanden mit chinesischem Kapital u.a. in Kenia und Lesotho große Textilfabriken. Diese Standorte sind mit dem Wegfall der Quoten bereits aufgegeben worden. Dramatischer ist jedoch, dass zudem der gesamte afrikanische Markt jetzt von chinesischen Billigprodukten überschwemmt wird.
Der Verdrängungswettbewerb geht weiter: Inzwischen beklagen sogar schon die Altkleiderhändler einen Rückgang ihres Geschäfts. Wenn Afrikaner statt der Second-Hand-Kleidung aus Europa jetzt vermehrt neue Kleidung aus China kaufen können, ist das ja durchaus zu begrüßen, aber die Billigimporte werden den Bankrott der afrikanischen Textilindustrie noch beschleunigen.
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