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Supervision of Paradise
von Martina Backes
Tourismus ist Kultur. Dazu gehört beispielsweise die in jeder Buchhandlung vorfindbare Abteilung mit Reiseliteratur, Bildbänden über ferne Länder, Karten, Reiseführer, Reiseerzählungen, Reisemagazinen und Kauderwelsch-Sprachführern. Oder die kulturelle Angewohnheit des europäischen Bildungsbürgertums, fremde Länder, Menschen und deren Traditionen auf einer Reise kennen und auch verstehen lernen zu wollen. Das eigene Abenteuer, die daran geknüpften Erwartungen, die erzählten Erfahrungen und archivierten Erinnerungen, festgehalten auf Postkarten in Bildmotiven und Urlaubsgrüßen, die Einbindung der Reise in den Alltag; all das sind mittel- und unmittelbare kulturelle Erscheinungsformen des Tourismus.
Begleitet man die Stationen einer Fernreise von der Sehnsuchtsproduktion über den Besuch in der Fremde und zurück bis zu den Erinnerung an "die schönsten Tage im Jahr", so lässt sich die Aufzählung beliebig fortsetzen: die Vor- und Nachbereitung in Form von Diaabenden und Lightshows, die passende Reiseliteratur für unterwegs, selbst das Equipment - vom wildniserprobten Laufschuh und Safarilook bis hin zum Kauderwelsch-Sprachführer - oder die Reisegepäck- und Reiserücktrittsversicherung, die mitgebrachten 'typischen' Souvenirs und Fotoalben mit ihren eingefrorenen Erinnerungen, selbst kulinarische oder musikalische Geschmacksrichtungen gehören zu den vom Tourismus mitgeprägten Erscheinungen der westlichen Kultur. So gesehen ist Tourismus auch vermarktbare westliche Kulturerfahrung, wenn es um angemessene Reiseausstattung oder buchbare Sehenswürdigkeiten geht - und tradierte Kultur, wenn es um das Erlernen von Wahrnehmungsmustern und das eigene Wissen über die bereiste(n) Fremde(n) geht. Dabei ändert sich das, was an Natur und Kultur vermarktbar oder verwertbar ist, je nach Zeitgeist, nach der wechselnden Zugehörigkeit zu einer Peergroup und - infolge des Überangebotes an fernkulturellen Besonderheiten - auch mit dem Preis und dem Sicherheitsrisiko der Reiseangebote.
Über kulturelle Aspekte in der Beziehung zwischen den TouristInnen und den DienstleisterInnen in den Fernreisedestinationen wurde vielfach geschrieben. Vom (meist befürchteten) Kulturtransfer und der 'Überformung und Zerstörung' der Kultur der 'Bereisten' durch die TouristInnen bis hin zum Dialog zwischen den Kulturen und der 'Völkerverständigung' sind alle denkbaren positiven wie negativen Szenarien durchanalysiert worden. Der Blick war dabei immer auf die Anderen gerichtet, die Fremden, die Bereisten, die im Fokus der eigenen Betrachtung standen. Über die touristische Kultur der reisenden Gesellschaft hingegen findet sich in den langen Debatten über das Verhältnis von Kultur und Tourismus bisher wenig.
Warum? Wenn nach den positiven und negativen Wirkungen des Tourismus für die Menschen gefragt wird, die in den Tourismusregionen leben und arbeiten, so erscheint es nur logisch und konsequent, den Blick auf das Dort zu richten. Vielfach konzentrierte sich die Kritik am Tourismus in Entwicklungsländern auf ökonomische Aspekte. So wurde belegt, dass sich die vom Tourismus erhofften wirtschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten für die Länder des Südens oftmals nicht oder nur für wenige ergaben. Bekannt wurde zudem, dass der 'Devisenbringer' Tourismus für viele Entwicklungsländer ebenso schnell zur Schuldenfalle werden konnte: Durch die Preiskonkurrenz am Weltmarkt sowie aufgrund der kostenintensiven und oft kreditfinanzierten Vorleistungen wie Flughafen- und Straßenbau, Energieversorgung, Naturparkmanagement und Sicherheitspersonal waren die Ausgaben oft höher aus die Einnahmen. Zudem verschärften sich vielerorts die sozialen Disparitäten: Niedrige Löhne und prekäre Arbeitsbedingungen im Tourismus sind oft die Kehrseite des Transfers hoher Profite der ausländischen Investoren in ihre Herkunftsländer.
Privatisierung von Land durch die Tourismusunternehmen steht dem Verlust an Zugangsrechten zu Land und natürlichen Ressourcen der Bevölkerung gegenüber, etwa wenn Fischer ihre Boote nicht länger an den Strand lagern dürfen oder Nomaden der Zugang zu den Wasserstellen in den Nationalparks verwehrt wird. Und ökologisch gesehen zerstörte der Tourismus vielerorts das, was er suchte: einsame Strände, sauberes Wasser, unzerstörte Natur. Und schließlich die Kultur. Der beklagte Verlust unverdorbener Kultur wurde von kulturpessimistischer Seite in einer Weise hervorgehoben, die alle einheimischen Bereisten zu passiven Opfern erklärte und von ihrem eigenwilligen Umgang mit neuen Einflüssen oder auch von dem durchaus von vielen erwünschten kulturellen Wandel nichts wissen wollte. Diese vielschichtige Kritik mündete schließlich in neue tourismuspolitische Modelle auf einer Mikroperspektive. Dabei lenkten die unter dem Label der Nachhaltigkeit entwickelten Konzepte von autarker und regionaler Wirtschaft, von endogenen Entwicklungspotenzialen und einem partizipativen und gemeindebasierten Tourismus den Blick erneut und verstärkt auf die lokale Kultur der "Bereisten".
Die Möglichkeit, den Tourismus - insbesondere auch in Entwicklungsländern - als ökonomische Strategie zum Erhalt des kulturellen Erbes zu nutzen und zugleich die Bevölkerung in den Reisegebieten am Gewinn zu beteiligen, erscheint vernünftig. So sollen historische Stadtkerne durch eine touristische Nutzung renoviert und erhalten werden - sei es in Marrakesch oder auf Sansibar. Die sozialen Folgen der damit verbundenen Privatisierung des Wohnraums sind bislang kaum untersucht. Sicher fallen dabei ein paar zusätzliche Jobs für lokale Beschäftigte ab und gingen sonst erhaltenswerte Kulturstätten verloren. In der Praxis wird unter die Idee aber oft das subsumiert, was ohnehin schon lange praktiziert wird: In punkto Kulturerbe konzentriert sich die Tourismusindustrie oft auf 'alte' Kulturlandschaften, überkommene Handwerkskunst und kaum mehr praktizierte Riten und Feste. Mit einem kulturellen Verständnis und der Kenntnis der Lebensrealität 'anderer Kulturen' die in dem Motto 'Begegnung auf gleicher Augenhöhe' oder 'Völkerverständigung' firmieren, hat das wenig zu tun.
Wenn Großstadtkinder in Deutschland am Wochenende einmal eine Glasbläserei in der Eifel oder den Kuckucksuhrenbauer im Schwarzwald besuchen, ist dagegen nichts einzuwenden. Auch der Erhalt alter Industrielandschaften oder strukturschwacher Regionen durch touristische Wertschöpfung ist mancherorts für alle Beteiligten erfolgreich realisiert worden. Doch der oft ausschließliche Fokus auf vormoderne und archaisch anmutende Tätigkeiten eines Kulturtourismus in die Länder des Südens ist damit nicht zu vergleichen. Aufgrund des postkolonialen Verhältnisses zwischen den Herkunftsländern der meisten Touristinnen und den Reiseländern läuft hier der Erhalt kultureller Vielfalt Gefahr, in einer bloßen Wiederbelebung kolonialer Bilderwelten und kulturrassistischer Differenzierungen zu münden. Historische Nostalgie und moderne Lebensrealität werden miteinander vermischt, was schließlich dazu beiträgt, Hierarchien zu festigen, Unwissen zu produzieren, koloniale Verhältnisse in postkolonialen Situationen fortzuführen und Verständigung, Austausch und Begegnung zu verhindern.
Wie das? Über die Tradition des Reisens konnte ein Wissen über kulturelle Differenzen generiert und gesellschaftlich verankert werden, das mit einer weiten Verbreitung einer visuellen Kultur zur Unterscheidung zwischen Eigenem und Fremdem, Authentischem und Überformtem einhergeht. Gemäß diesem postkolonialen touristischen Blick soll ein kenianischer Massai geschmückt und bespeert seine Rinder in der Savannenlandschaft hüten. Oder die Eingangstür zur Safarilodge. Auch als Guide, der die Löwen im Wildpark erspäht, ist er willkommen. Ein Massai, der im ölverschmierten Trainingsanzug an der letzten Tankstelle vor dem Eingang zum Park die Reifen der schwarzweiß gestreiften Allradwagen flickt und dann auch noch aufdringlich um Trinkgeld bettelt, entspricht hingegen nicht der touristischen Erwartungshaltung. Und ziemlich sicher wird er auch nicht als Mitglied der Massai wahrgenommen.
Die indische Soziologin Nina Rao beklagt, dass die Kulturindustrie mit der Tourismusindustrie zusammen jene Traditionen vermarktet und damit auch reproduziert, von denen sich viele Inderinnen in langen und bitteren Kämpfen mühevoll befreit hatten. Riten und Feste, in denen Frauen als verführerisch exotisch und doch als unterwürfig inszeniert werden, sind oft touristische und damit auch geschäftsmäßige Highlights. Der Einsatz der Rechtsanwältinnen oder Ärztinnen für die Rechte auf ein selbst bestimmtes Leben der indischen Frau hingegen nicht. Dabei sind Solidaritätsfeste einer urbanen politischen Elite nicht minder authentisch. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn aus der Südperspektive auch Kritik an der gemeinsamen Sache von Kultur- und Tourismusindustrie geübt wird: Die selektive Integration von vermeintlich gewachsener, lokaler und typischer Kultur ins touristische Geschäft bedient oft primär die Bedürfnisse des Kapitals und der fernreisenden Gesellschaft. Zugleich wird ein wichtiger Teil gesellschaftlicher Realität negiert. Wenn es um die touristische Wertschöpfung kultureller Errungenschaften geht, dann in aller Regel um betende Mönche in goldenen Tempeln und nicht um oppositionelle Kulturschaffende auf dem Campus einer Universität; um Korbflechter, Teppichknüpfer und Viehhirten in vormodernem Setting und nicht um subkulturelle Protestformen von Entrechteten - vielleicht Prostituierten oder Beschäftigten der Unterhaltungsindustrie - auf den Straßen der Metropolen.
Tatsächlich erklärt die Tourismusindustrie gerne Relikte aus längst vergangenen Zeiten zu zentralen Elementen der Kultur eines Landes, in dem ihre Bewohnerinnen wahlweise als naturverbundene Bewahrer alter Werte und Traditionen oder als rückständige Ureinwohner präsentiert werden. In Anbetracht der Menge und Häufigkeit dieser Präsentationen in Bilderwelten und Werbeslogans verklärt dieser touristische Diskurs auch die Ursachen für Armut, die oftmals ja das Ergebnis moderner und internationaler Handels- und Finanzpolitik ist, und die eine Marginalisierung erst hervorruft. Armut ist eben nicht einfach der Noch-Zustand unterentwickelter abgeschiedener Regionen. Damit rückt das proklamierte Ziel der 'Verständigung und des Kennen Lernens' jedoch in weite Ferne.
Wie konnte es dazu kommen? Bei der Suche nach dem gerechten und nachhaltigen Tourismus bedienen sich Akteure aus einer ökonomischen und ökologischen Perspektive sowie die Kulturexperten der gleichen Begrifflichkeiten: Vielfalt und Vernetzung, Standortanpassung und Eigenverantwortung, Komplexität, Flexibilisierung und Nischenprodukte sind die Schlagworte eines Nachhaltigkeitsdiskurses, der kulturelle und biologische Vielfalt touristisch in Wert zu setzen bemüht ist. Lokale Eigenheiten und die Rehabilitierung indigenen Umweltwissens gehören ebenso dazu wie Idee, dass nur das Verlassen der künstlichen Ferienwelten es ermögliche, die Bevölkerung an den positiven Effekten des Tourismus angemessen partizipieren zu lassen. Kleinunternehmerinnen und der informelle Sektor, zu denen beispielsweise lokale Touristenführer und Obstverkäuferinnen, Taxifahrer oder Restaurantbesitzerinnen und Souvenirverkäufer zählen, sollen am Tourismus mitverdienen, während das Verlassen der inszenierten Hotelparadiese zugleich ein Kennen lernen des vermeintlich Authentischen und eine Begegnung mit 'richtigen Einheimischen' verspricht. Als armutsorientiert gelten tourismuspolitische Konzepte dann, wenn sie die Marginalisierten, die Frauen und die Indigenen einbeziehen. Das trifft sich gut mit der Idee, lokale Standortbesonderheiten in den globalen Wettbewerb einzubringen und so zugleich die kleinen Akteure am Tourismus teilhaben zu lassen, statt als vermarktbare Kulisse zum Profit der oft global operierenden Unternehmen ausgebeutet zu werden. Statt der schlecht bezahlten Performance traditioneller Bauchtänzerinnen zur Bespaßung der Pyramidenbesucher am Abend auf einem Nildampfer wird dann ein mehrtägiger Besuch einer Bauchtanzschule mit ausgebildeten Tänzerinnen angeboten. Statt des Standardtrommelabends im Begleitprogramm des Cluburlaubers neben der Bar am Pool können interessierte Individualisten den Trommel- oder Yoga- oder Kochkurs bei einem lokalen Meister buchen.
Was spricht nun dagegen? Im Sog der Begeisterung für diese Win-Win-Strategie wird gerne ausgeblendet, wer eigentlich welche Vorstellungen von Kultur erhalten will und wer die Macht hat zu bestimmen, was erhaltens- und was verwerfenswert ist. Auch die Frage, in wie weit die Identität der 'authentischen Einheimischen' und selbst oft das Private in den Dienst des Tourismus gestellt werden, und wo überhaupt noch ein Rückzugsbereich für die Beschäftigten im Tourismus existiert, fällt nur selten. Die begeisterte Sicht auf die kulturelle Differenz der Anderen fragt nicht nach den Ähnlichkeiten, nach Gemeinsamkeiten oder vergleichbaren sozialen Erfahrungen. Stattdessen birgt die dominante Idee, das kulturelle Erbe touristisch in Wert zu setzen und somit den Tourismus als Instrument zur Finanzierung des ansonsten ökonomisch nicht überlebensfähigen Kultur zu nutzen, eben auch die Gefahr, die 'besonderen Eigenarten der Fremden' recht selektiv und nach dem eigenen Geschmack und Bedürfnis auszuwählen und touristisch zu inszenieren, zu vermarkten oder gar neu zu erfinden.
Dieser Prozess ist ein kompliziertes Geflecht aus materiellen und diskursiven Abläufen und die beteiligten Akteure haben unterschiedliche Interessen. Doch im Ergebnis werden die Anderen verortet und tendenziell in ihrer zugedachten Rolle und Eigenart festgeschrieben. Zugleich ergibt sich aus der kulturellen Zuschreibung der Anderen ein eigener Gewinn: Je häufiger und je weiter die Reisen gehen, desto kosmopolitischer und interkultureller wird das Selbstverständnis der Abenteuer- und Kulturreisenden - und je bunter gestaltet sich der Flickenteppich der verschiedenen Kulturlandschaften auf ihrer mentalen Landkarte: Das Zauberland, das Dach der Welt, das Land des Lächelns, die Traumpfade, die Seidenroute, die Sklavenroute.
Diese multikulturell orientierten Urlausreisen sind so strukturiert, dass sie trotz des proklamierten Interesses an den Anderen um ein kulturelles Eigenes kreisen. Aufgeladen werden die Reisen gerne mit dem Mythos der universalen Verständigung und Überwindung kultureller Spaltungen. Doch ist dies ein primär individuelles Begehren der westlichen TouristInnen, das persönlichen Gewinn verspricht. Die Vielgereisten verstehen sich als interessiert, weltoffen, neugierig, vorurteilsfrei, tolerant - eben als kosmopolitisch. Für eben diese Erfahrung und das kosmopolitische Image benötigen sie eine bunte Auswahl an verorteten und typischen kulturellen Differenzen, die es zu erreisen gilt. Dieses Privileg der Reisenden basiert auf einer geradezu zwanghaften Zuschreibung und Festschreibung der Rolle der Anderen und ihrer oft als ethnisch oder indigen, meist als eindeutig und bruchlos imaginierten Identitäten. Individuelle soziale Konflikte dieser Anderen mit ihrer eigenen Gesellschaft, ihre häufig empfundene kulturelle Mehrfachzugehörigkeit und auch die persönlichen Belastungen und Krisen mit der eigenen Identität, die den sozialen Alltag der 'Bereisten' eben auch prägen, haben in der touristischen Wahrnehmung oftmals keinen Platz. Diese westliche Kultur der postkolonial gefärbten touristischen Wahrnehmung zu durchbrechen, die kulturalistische Brille der Betrachtung der Welt einmal abzusetzen, ist aber in der Regel gerade nicht der explizite Anspruch des Kulturtourismus.
So verbleiben die Reisenden und die in den bereisten Ländern lebenden und im Tourismus arbeitenden Menschen oft in einer Parallelwelt, deren Grenzen nicht aufweichen. Im touristischen Diskurs konstruiert sich so ein Gesellschaftsbild, das den globalen Kulturdialog und einen offenen Kulturaustausch existent erscheinen lässt, ohne dass er tatsächlich stattfinden muss. Die Fassade ist nahezu perfekt. Sie findet ihren Ausdruck beispielsweise in dem Urlaubsbild, dem 'Ich-war-da'-Dokument, auf dem ein schwarzes oder asiatisches Gesicht als Farbtupfer nicht fehlen darf.
Zwar lebt das Geschäft mit den Kultur-Fernreisen auch von dem Versprechen, die sich globalisierende Welt erfahrbar zu machen. Eine Reise in eine 'fremdkulturelle' Umgebung verspricht, neben der klassischen Erholung und Abwechslung vom Alltag, vor allem auch persönlichen Gewinn an Erfahrung und interkultureller Kompetenz. Reisende können so die eigene Biografie mit einem kulturellen Mehrwert aufladen. Zudem ist die größtmögliche Differenzerfahrung und fremde Exotik mit der Vorstellung über ein bestimmtes Lebensgefühl verbunden. Dieses speist sich aus den identitären und kolonialrassistischen Konzepten, welche die westliche Gesellschaft mit den kolonialen Diskursen in Umlauf gebracht hat: Afrikaner sind rhythmisch und erdverbunden, Italiener sind gesellig, Indios sind stolz, Asiaten oft spirituell und so weiter. Die Zuschreibungen sind beliebig und widersprüchlich.
Wenn es um kulturelle Unterschiede und das soziale Verhältnis zwischen Reisenden und den Beschäftigten im Tourismus geht, wäre indes auch eine ganz andere Blickrichtung möglich: Nicht die Suche nach Differenz der Kultur der Anderen, sondern ein kritischer Blick auf die eigene Kultur des Reisens. Statt der Suche nach Differenz überhaupt, die Suche nach Gemeinsamkeiten (wirklich eindrückliche Reiseerlebnisse finden im Übrigen meistens da statt, wo gleiche oder ähnliche Sichtweisen und Erfahrungen in der Begegnung erlebt werden). Anstelle der oft aggressiven und überheblichen Fremdzuschreibungen, die im Tourismus vorherrschen, könnte Raum für Selbstzuschreibungen und Artikulation geschaffen werden, die den sozialen Realitäten sicher eher entsprechen und damit authentischer sind. Vielleicht ergibt sich aus einer dieser Herangehensweise an die Rolle von Kultur im Tourismus ein Anhaltspunkt, wie mit dem gerade im Kulturtourismus noch lange nicht überwundenen Ungleichverhältnis in der proklamierten "Begegnung auf gleicher Augenhöhe" umgegangen werden kann.
Ein Cartoonist hat einmal eine vermutlich selbstironisch gedachte Situation gezeichnet: Ein erfahrener einheimischen Reiseführer testet lehrmeisterisch das Wissen der ebenfalls Einheimischen, die auf einer Tafel mit Abbildungen die verschiedenen Sorten von westlichen Touristen erkennen und bezeichnen sollen: die Massentouristen (die feste Preise lieben), die Individualreisenden (die gerne handeln), die Erholungssuchenden (die in Ruhe gelassen werden wollen) und die Kulturinteressierten (die lieber auf Strohmatten statt in bequemen Betten schlafen). Die Interpretation bleibt offen: Spiegelt hier jemand die müßig geführten Abgrenzungsdebatten der elitären Individualtouristen wider, die sich in dem Slogan "anders reisen ist besser reisen" oder "Begegnung auf gleicher Augenhöhe" über den als ignorant dargestellten Massentouristen stellen und sich selbst zum wahren und guten Reisenden etikettierten? Oder wird das Kategorisieren an sich - hier von Reisenden durch die Einheimischen, doch im Umkehrschluss vielleicht auch der 'Bereisten' durch die TouristInnen - in Frage gestellt? Wenn die Betrachterin erkennt, dass sich der eigene Urlaub nicht in eine Schublade stecken lässt (vielleicht ist die Reise ein Mix aus einer Hotelwoche mit Sonne, Sand und Palmen als Belohnung für die Dreitageserlebnistour in ein Berg- oder Wüstendorf, auf eigene Faust und dem Tipp eines Freundes folgend, das alles nach einem mehrwöchigen Sprachaufenthalt), so könnte das ja auch für ihre eigene Wahrnehmung der Fremden gelten.
Dr. Martina Backes ist Biologin und Autorin. Seit 1999 ist sie als Redakteurin der nord-südpolitischen Zeitschrift iz3w in Freiburg und als Projektleiterin von FernWeh - Tourism Review tätig. Thematische Schwerpunkte: Gesellschaftliche Naturverhältnisse, Entwicklungspolitik, Ernährungssicherheit, Tourismus, Migration, Dokumentarfilm. Sie verbrachte mehrjährige Arbeitsaufenthalte in Ostafrika.
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