Diese Seite drucken

Editorial

Mode - made in Africa, das klingt ziemlich ungewohnt. Mit Afrika assoziieren wir in erster Linie Kriege, Hunger, Aids, korrupte Regime, usw., also eine Kette unterschiedlichster Katastrophen. Daneben fallen uns vielleicht auch noch Bilder von den Märkten mit den vielen exotischen Stoffen ein. Die Kleider, die aus diesen Stoffen hergestellt werden, halten wir dann bestenfalls für Folklore, aber nicht für Mode.

Dass unser Afrikabild bis heute überwiegend von Unkenntnis, Vorurteilen und Klischees bestimmt wird, wie eine ganze Reihe neuerer Studien belegen, resultiert vor allem aus der Medienberichterstattung über Afrika. Dabei handelt es sich in erster Linie um eine oberflächliche Krisenberichterstattung, die weder die komplexen Ursachen und die Wirkung der geschilderten Probleme behandelt, noch die vielfältigen politischen, gesellschaftlichen Umbrüche und kulturellen Entwicklung in den verschiedenen Ländern differenziert darstellt.

Deshalb passt es auch nicht in unsere Vorstellungen von Afrika, dass dort nicht nur bunte Stoffe hergestellt werden, sondern auch avantgardistische Mode.

Als in den frühen 70 Jahren Chris Seydou aus Mali seine ersten Haute-Couture-Kollektionen in verschiedenen afrikanischen Ländern präsentierte, hatten die europäischen Designer Afrika gerade als neue Inspirationsquelle für ihre Mode entdeckt. Wie bereits in der Bildenden Kunst, wo Picasso und viele andere Künstler die Formsprache der afrikanischen Masken entdeckt und kopiert hatten, womit sie immerhin den Beginn der Moderne in der europäischen Kunstgeschichte einleiteten und später die Weltmusik wichtige Impulse aus der schwarzen Musik bezog, bedienten sich nun auch die europäischen Modedesigner aus dem großen Reservoir afrikanischer Textiltraditionen.

Afrikanisch inspirierte Kollektionen von Yves Saint Laurent, Paco Rabanne oder Romeo Gigli machten in den 70er Jahren Furore. Ihnen folgten John Galliano, dessen Models üppigen Massai-Schmuck trugen ( Dior Kollektion 1997), während Jean-Paul Gaultier seine Roben aus Atlasseide mit einem Tuareg-Turban vorführte. Es sind, wie die Beispiele zeigen, immer nur Versatzstücke, die herausgegriffen, kopiert und marktgerecht aufbereitet werden. Details, wie ein fremdes Muster oder ein exotisches Material, die dann auch in unseren Ethno-Moden massenhaft reproduziert werden.

Diese oberflächliche Offenheit war schon immer ein Kennzeichen der europäischen Mode. Nachdem China, Japan und Indien lange Zeit den Exotismus in der europäischen Mode prägten, folgte für einige Jahre Afrika.

Von der massenhaften Reproduktion afrikanischer Muster haben diejenigen, die die Vorlagen geliefert haben, allerdings nie profitiert. Auch an der Dominanz der europäischen Designer, die seit langem nahezu uneingeschränkt diktieren, was modisch angesagt ist, hat sich nichts geändert.

Yves Saint Laurents legendäre "Afrika-Kollektion" mit Minikleidern aus dunklen Holzperlen, ist längst zu einem Dokument europäischer Modegeschichte avanciert und vielfach in Museen präsentiert worden.

Afrika war und ist aber nicht nur Inspirationsquelle für europäische Künstler und Designer. Dort hat sich längst eine eigenständige Kunst- Musik- , aber auch Modeszene entwickelt, mit unterschiedlichen Entsprechungen in den "black communities" in New York, London oder Paris. Vorreiter spielen dabei bis heute Designerinnen und Designer aus Westafrika, allen voran Mali und Senegal. Dort hat sich seit Anfang der 70er Jahre eine Gruppe afrikanischer Designer formiert. Sie haben den Wert der lokalen Textiltraditionen und das handwerkliche Know-how der lokalen Weber und Färber erkannt und verstehen Mode auch als Mittel der Selbstbestimmung. Ihre Mode hat nichts mit den Klischees zu tun, die unser Afrikabild bis heute prägen. Ihre Mode ist afrikanisch und zugleich kosmopolitisch.

Sie schöpfen aus dem unermesslichen Reichtum der Textiltraditionen ihres Kontinents, die sie gekonnt mit westlichen Stilelementen und Materialien mischen. Auch sie adaptieren, kopieren und recyceln Eigenes und Fremdes und entwickeln daraus eine neue afrikanische Ästhetik. Im Gegensatz zu den Europäern riskieren sie dabei allerdings, als Karrieristen beschimpft zu werden oder setzen sich dem Vorwurf aus, ihre Mode sei nicht authentisch !

Es fällt vielen Europäern offenbar noch immer schwer, zu akzeptieren, dass sich afrikanische Künstler, auch Mode-Designer, weigern, unseren exotischen Klischees und Romantizismen zu gehorchen.

Mit diesem Heft möchten wir einige Designer vorstellen und einen Einblick in die höchst vielfältige afrikanische Modewelt liefern. Andere Beiträge beleuchten den lokalen und globalen Kontext ihrer Arbeit sowie die ökonomischen Rahmenbedingungen.

 

Diese Seite drucken