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Welt am Sonntag (18. September 2005)

Von Dakar auf den Laufsteg

Die Designerin Oumou Sy steht im Zentrum der Ausstellung "Mode made in Africa" im Museum für Kunst und Gewerbe

Mit 13 eröffnete Oumou Sy ihre erste Werkstatt und begann, dort Kleider für ihre Nachbarschaft zu nähen. Heute lebt sie in Dakar. "Als Modeschöpferin und Designerin bin ich im Bereich Haute Couture und Prêt-à-porter tätig, aber ich entwerfe auch Schmuck und Accessoires oder Kostüme für Kino und Theater. Außerdem arbeite ich im Möbeldesign und der Innenarchitektur." Mit diesen schlichten Worten faßt die Senegalesin ihre beispiellose Karriere zusammen.

Denn die des Lesens und Schreibens unkundige Autodidaktin gilt heute als Top-Designerin und "Grande Dame" der afrikanischen Modewelt. Die Ausstellung "Mode made in Africa" im Museum für Kunst und Gewerbe zeigt jetzt vom 24. September bis zum 30. Oktober Beispiele aus dem vielfältigen Schaffen der Afrikanerin aus Dakar am Kap Verde.

Ihre Kindheit und Jugend verbrachte die 1952 in Podor geborene Oumou Sy, die nie eine Schule besuchte, in den Dörfern von Fouta im Norden des Senegal und in der südlich gelegenen Casamance. Dort erlernte sie auf veralteten Webstühlen die traditionellen Handwebetechniken, auf die sie sich heute bezieht. Anders als viele europäische Künstler und Modemacher, die aus der Ferne immer wieder aus dem unerschöpflichen Ideenfundus afrikanischer Muster, Farben und Formen schöpfen, greift Sy direkt vor Ort auf die reiche afrikanische Textiltradition zurück.

Sie enthüllt dabei etwas, was im Westen lange nicht wahrgenommen wurde: In den Metropolen Westafrikas hat sich seit den achtziger Jahren eine florierende Modeszene entwickelt. Sy ist erfolgreich bestrebt, diesem boomenden Wirtschaftszweig und ihrem Label "Made in Africa" internationale Geltung zu verschaffen - zugunsten der heimischen Produktion.

Zu diesem Zweck startete die engagierte Modeschöpferin und Geschäftsfrau verschiedene, mittlerweile florierende Initiativen. In Dakars Altstadt, der Medina, gründete sie nicht nur ihr Mode-Imperium, sondern neben einer Ausbildungsagentur für Mannequins auch die vielfach ausgezeichnete Mode- und Designschule, die "Ateliers Leydi".

"Die Ausbildungsaktivitäten tragen dazu bei", so Oumou Sy, "die traditionellen Techniken, die ich selbst in meiner Arbeit einsetze - sei es im Bereich der Weberei, Färberei oder Stickerei, bei der Bearbeitung von Leder, der Herstellung von Schmuck oder bei Schmink- und Frisiertechniken - zu bewahren und wiederzubeleben". Über die Ergebnisse tauschen sich die Modedesigner aus aller Welt jährlich während der Internationalen Modewoche "Simod" aus.

Dieses wichtige Forum rief Sy ebenso ins Leben wie den "Carnaval de Dakar", eine bunte Parade, die als Präsentationsplattform afrikanischer und speziell senegalesischer Designer dient.

Dakar, wichtiges Zentrum der afrikanischen Textilindustrie, wird so zur Drehscheibe in Sachen Mode: Die Kreationen von Oumou Sy und ihrer Schüler zeugen von hohem kreativen Potential. Das beweist die von der umtriebigen Modemacherin selbst inszenierte Schau in Hamburg: Dort ist üppige Haute Couture von ihrer Hand zu sehen, Kostüme, Textil- oder Dekostoffe, ferner Schmuck und Accessoires.

Eine Bildserie des Fotografen Thomas Dorn eröffnet interessante Einblicke in Sys Arbeitsumfeld im Senegal, das sich ferner durch den im Begleitprogramm gezeigten Arte-Film "Oumou Sy - die Grande Dame der afrikanischen Mode" von Chales Beaulieu und Claudia Dejá erschließt. Dorns Lichtbilder "Houn-Noukoun - Gesichter und Rhythmen Afrikas" ergänzen die Schau.

Sys Schöpfungen zeichnen sich durch einen bunten Material- und Mustermix aus, der afrikanisches Modeerbe mit westlichen Einflüssen verbindet. Nur nach dem Westen zu schielen, hält Sy aber für falsch: Kein Afrikaner soll seine Wurzeln leugnen, findet sie. So arbeitet sie seit vielen Jahren an einer einzigartigen Kollektion von Gewändern der "Rois et Reines d'Afrique", der Könige und Königinnen ihres Kontinents. Trotzdem weiß sie: Die westliche Mode ist auch unter vielen ihrer Landsleute angesagt.

Zahlreiche dieser Trends läßt Sy darum in ihre Kollektion einfließen. Das berauschende Ergebnis ist voll Rhythmus, Schwung und Eleganz. Für ihre phantasievoll-phantastischen Schöpfungen, die vor Lebensfreude sprühende Wildheit und schimmernde Erlesenheit verbinden, nutzt sie Federn und Korb, Metall und Vinyl, verwendet blütenbedruckte, wildgemusterte, goldbestickte wie auch monochrome Stoffe.

Sie kombiniert warme Erd- und Naturtöne mit leuchtend bunten Farben von Granatapfelrot bis Froschgrün und Bananengelb. Ihre Modelle krönt sie mit imposanten Kopfbedeckungen. Die sind entweder aus kompliziert gewickeltem Tuch gewirkt oder türmen sich zu königlichen Inszenierungen, die an das Federwerk von Pfauen, Papageien oder paradiesischer Phantasievögel erinnern.

Eine große Modenschau mit Sys aktueller Kollektion ergänzt am 25. September in den Fliegenden Bauten die Ausstellung im Museum. Den Abend rundet ein Konzert der in Paris lebenden senegalesischen Sängerin Fania ab, deren Musik von traditionellen Klängen und urbanen Rhythmen geprägt ist.

"Oumou Sy - Mode aus Afrika", 24. September bis 30. Oktober im Museum für Kunst und Gewerbe; Moden- schau "Made in Africa": am 25. September um 19 Uhr in den Fliegenden Bauten. Karten unter 040/ 47 11 06 33 Julika Pohle

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